24.05.2024 Berlin

Ich wollte weg. Raus aus Deutschland. Raus aus meiner Komfortzone. Ich wollte keinen Urlaub machen. Ich war noch nie gut darin, eine Woche im Airbnb zu sitzen, Cocktails zu trinken und es mir gut gehen zu lassen. Die schönsten Reisen waren immer Abenteuer. Sei es meine Rucksacktour mit 19 quer durch Europa oder die vielen Reisen mit meinem Theater Ensemble in die Ukraine, nach Russland, Polen oder auch Griechenland. Ich habe ein Abenteuer gesucht. Aber mir einen Rucksack aufsetzen und losgehen, das klang vor allem einsam. Und einsame Reisen hatte ich in den letzten zwei Jahren Tour-Poetin-Dasein genug. Außerdem wollte ich etwas Sinnstiftendes tun. Ich wollte wissen, was mich erwartet in meinem Abenteuer. Und irgendwie kam ich dann auf diese Schildkröten-Sache. Ein Sommer in Griechenland mit Meeresschildkröten. 

Schildkröten sind nicht unbedingt meine Lieblingstiere. Ich vertrage auch die Hitze schlecht, und bin nicht unbedingt der größte Insel Fan. Aber diese doch so romantische Idee, ein Volontariat bei einer Naturschutzorganisation zu machen, ist schon so lange in meinem Kopf. Fast sieben Jahre. Und irgendwie hatte ich das Gefühl: Jetzt oder nie. Jetzt habe ich mal einen Monat Zeit! Und das ist eine der Grundvoraussetzungen für dieses Volontariat: man muss mindestens vier Wochen am Stück dabei sein. “Das liegt daran, dass die einen sehr intensiv einarbeiten. Das ist nicht so eine von diesen Organisationen, wo man mal für eine Woche vorbeischauen und ein bisschen Ehrenamt für Instagram machen kann!” Höre ich mich in den folgenden Wochen häufiger sagen, “das ist nicht so wie bei anderen Organisationen wo man einen Haufen Geld zahlt um Gutmensch zu spielen.” Und ich glaube, das ich in diesem Moment hauptsächlich mich selber versuche davon zu überzeugen, dass das, was ich da vor habe, eine wirklich gute Idee ist. Woher genau meine Zweifel kommen, kann ich nicht wirklich verorten. Aber es bleibt doch das Gefühl, dass ein Volontariat bei einer Tierschutzorganisation gleichzusetzen ist mit einem FSJ oder eben einer Interrail Tour durch Europa. Sachen, die man direkt nach dem Abi macht. Oder in einer anderen Orientierungszeit im Leben. Ich aber sollte mich eigentlich schon orientiert haben. Ich bin 31. Ich habe mein Studium abgeschlossen, ich bin selbstständige Künstlerin, ich sollte mich schon orientiert haben. Ich sollte vermutlich zielstrebiger sein, ehrgeiziger, ich sollte mich an Theatern bewerben, wenn ich irgendwann noch mal einen Regie-Auftrag haben will. Oder auf Premierenpartys rumhängen. Mich vernetzen. Oder alternativ, wenn ich in Zukunft sowas wie Vollzeit-Bühnen-Poetin sein will, dann sollte ich mehr Auftritte machen, Outreach betreiben, ich sollte diese Auftritte häufiger mal filmen und posten, ich sollte auf anderen Partys rumhängen, mich mit andern Leuten vernetzen, ich sollte so oder so eindeutig mehr Social Media Arbeit machen, ich sollte mich besser vermarkten, ich sollte mir Wettbewerbe und Stipendien raussuchen und mich dann für diese Wettbewerbe und Stipendien auch auf jeden Fall bewerben. Ich sollte so einiges machen. Aber ich habe mich dazu entschieden vier Wochen lang auf Kreta Schildkröten zu… retten? Ich sollte mich auf jeden Fall besser informieren, über das, wo ich mich soeben beworben habe. Alles was ich darüber weiß, weiß ich von meinem ehemaligen Mitbewohner Sebastian und das ist nicht besonders viel. Er hat Biologie studiert und war währenddessen mehrfach in Griechenland als Freiwilliger oder zu Forschungszwecken. Als ich das letzte Mal von ihm hörte, arbeitete er als Meeresbiologe auf Bali. Nachdem er auf meine Nachricht auf Instagram erstmal nicht antwortet, suche ich mir ein paar Erfahrungsberichte im Internet heraus und werde schnell fündig. Ein paar wenige Volunteers teilen ihre Erfahrungen in kurzen Berichten, alle sehr positiv. Sie fassen die Hauptaktivitäten in vier Punkten zusammen: Überwachung, Forschung, Rettung und Sensibilisierung. Wobei letzteres nicht für die Schildkröten selbst gilt, sondern für die Öffentlichkeit. Denn die auf Kreta lebende Schildkrötenart Caretta Caretta oder auch Unechte Karettschildkröte ist vom Aussterben bedroht. Das Internet kann sich nach meiner unprofessionell kurzen Recherche noch nicht entscheiden, ob die häufigste Todesursache der Schildkröten das Ertrinken in Fischernetzen oder das Verschlucken an Plastikteilen im Meer ist. Auf jeden Fall ist das nächst größere Problem der Rückgang ihres natürlichen Lebensraums und da kommt die Sensibilisierung zum Einsatz: Meeresschildkröten nisten am Strand und werden einerseits durch die Anwesenheit von Menschen, sowie durch den herumliegenden und vergessenen Kram beim Nisten gestört und angeblich sind auch Reifenspuren für frisch geschlüpfte Schildkrötenbabys ein unüberwindbares Hindernis. Alles schlechte Nachrichten, doch als ich bei meiner Recherche über Fotos von eben diesen frisch geschlüpften Schildkrötenbabys stolpere und den Volunteers, die ihnen vom Nest ins Wasser helfen, bin ich erneut sehr überzeugt von meinem Vorhaben.

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22.06.24 Niedersachen

Mittlerweile habe ich mich nicht nur beworben, ich wurde (ohne große Überraschung oder Hürde) angenommen und habe meine Unterlagen wie gefordert eingereicht. Darunter solche Dinge wie eine Gesundheitliche Unbedenklichkeitsbescheinigung meiner Hausärztin und eine Eigeneinschätzung mit der insgesamt belegt werden soll dass ich körperlich in der Lage bin Tätigkeiten auszuführen wie:

Lange Wege (bis zu 7 Stunden) unter potentiell extremen Wetterbedingungen z.B. Hitzewellen, kalten Temperaturen oder hoher Luftfeuchtigkeit

was ich schon ein bisschen beunruhigend finde, wenn ich das so schwarz auf weiß lese. Ich schreibe der Organisation, dass Hitze für mich ja nicht so ganz einfach ist und ob es auch die Möglichkeit gibt, eher Nachtschichten am Strand zu machen oder tagsüber eher indoor zu helfen? Ich erhalte darauf eine recht direkte Antwort per Mail, dass alle Volunteers an allen Aktivitäten teilnehmen müssen und ich nicht von Tätigkeiten ausgeschlossen werden kann, die möglicherweise unangenehm für mich sind. Nagut. Klare Ansage. Krieg ich schon hin. 
Meine Hausärztin will mir den Zettel nicht unterschreiben, bis sie nicht einen ausführlichen Gesundheitscheck gemacht hat, was mich wiederum beruhigt, wenngleich ich das sehr deutsch von ihr finde. Ein Teil von mir dachte, ich könnte mir da fix einen Stempel abholen. Egal. Etliche Proben ergeben, dass ich kerngesund bin. Abgesehen von massivem Mangel an Vitamin D. Vitamin D wird im menschlichen Körper mithilfe von Sonneneinstrahlung  produziert. Meine Hausärztin wünscht mir also viel Glück und viel Segen auf Kreta (ihre Wortwahl) klingt als wäre das ja dann das richtige für mich. Vitamintabletten sollte ich aber trotzdem bis dahin nehmen. Weitere Vorbereitungen treffe ich dann aus Niedersachsen.

Hier inszeniere ich von Juni bis Mitte Juli einen Open-Air-Krimi am Jahrmarkttheater. Dabei handelt es sich um ein riesiges Gelände mit Dreiseitenhof in einer Lindgrenartigen Bullerbü-Ästhetik, der nicht nur die Spielstätte ist, sondern für den Zeitraum der Proben auch das Zuhause aller Projektbeteiligten. Abends nach der Probe sitze ich mit zwei Schauspielern und der Kostümbildnerin in der Küche und erzähle von meinem geplanten Schildkrötensommer. “Na da wird dann ja bestimmt dein nächster Poetry Slam Text draus.” Ein Satz den ich zugegebenerweise sehr häufig höre. Nahezu egal, wovon ich erzähle. Mach mal nen Slam draus. Beim Poetry Slam gibt es allerdings ein Zeitlimit von 5 bis 6 Minuten. Und so entstand am Küchentisch in Bostelwiebeck (oder Bowi, wie die aufgeweckte Regieassistentin zu sagen pflegt) die Idee dieses Blogs. Keine Zeitbegrenzung. Keine Zeichenzahleinschränkung. Keine Kommentarfunktion. Außerdem ist diese Reise durch den Blog plötzlich ein künstlerisches Rechercheprojekt geworden und ich kann alle Ausgaben von der Steuer absetzen. Ich war so inspiriert, ich fing sofort damit an zu schreiben und Geld auszugeben. Zu aller erst für einen Flug nach Kreta. Der Direktflug von Hannover nach Heraklio hin und zurück kostet circa 300 Euro und entspricht einer knappen Tonne CO2 was mich auf compensators knapp 70 Euro zusätzlich kostet. “Ist das nicht moderner Ablasshandel dieses Greenwashing mit dem Ausgleich?”, fragt mich eine Freundin am Telefon.
“Meistens schon”, muss ich zugeben. Ich spaziere telefonierend in meiner Mittagspause durch die naheliegenden, blassrosa blühenden Kartoffelfelder der Lüneburger Heide. “Aber deren Konzept ist tatsächlich CO2 Zertifikate auf zu kaufen. Das klingt nach einem echten Plan und ist auch teuer genug, dass ich glauben kann, mich wirklich aus meiner Flugscham freikaufen zu können.”
“Und funktioniert das?”
“Die Zertifikate auf zu kaufen? Weiß ich ehrlich gesagt nicht.”
“Ne, das mit deinem schlechten Gewissen.”
“Ach so, ja, das funktioniert super.” Wir lachen.
“Eine Tonne ist aber auch viel”, schiebt sie noch nachdenklich hinterher.
"Ja, ungefähr so viel, als würde ich 8 Monate lang jeden Tag ein kleines Rindersteak essen.”
“Na dann ist ja gut, dass du schon so lange Vegetarierin bist.”
Wieder müssen wir über die Absurdität dieses Gesprächs lachen und über die Ambivalenzen, die es im Leben eben auszuhalten gilt.